am 19. september 2026 feiert der jazz-sänger/crooner und musiker louie austen nun seinen 80. geburtstag. mit einem großen geburtstags-konzert und einer vinyl-lp mit einem exklusiven livemitschnitt seines auftrittes auf dem jazzfest in wiener neustadt im jahr 2025.
aus diesem anlass traf petra ortner den sänger und musiker in kritzendorf zu einem gespräch über ein wort, das er nicht in seinem wortschatz hat, über glück, risiko, neugierde und spaß.
foto: joseph bailey / grafik: petra ortner
vor einer weile hatte ich ein gespräch mit anderen künstlern und irgendwie kamen wir dabei auf das thema pension…
was ist das?
genau! wir kamen zu dem schluss, dass künstler nicht in pension gehen.
richtig. die sterben auf der bühne. das ist die wahrheit. wenn jemand künstler aus leidenschaft ist, dann kann er nicht aufhören. der braucht sein publikum, möchte immer was neues ausprobieren – neue shows, neue sachen – der kann nur so. ich kann es mir nicht anders vorstellen. ich werde mit 260 auf der bühne sterben. das weiß ich ganz genau! (lacht)
ich habe das wort gar nicht in meinem wortschatz. ich sag dir die wahrheit. denn einer, der die pension herbeisehnt, der ist eh schon vorher tot. der ist aus. warum soll man einen beruf, den man liebt, aufgeben? egal ob du schlosser, tischler oder automechaniker bist. warum aufhören? habe ich daran spaß, mach ich das weiter, bis ich den letzten schrauben schraube, oder? das wäre mein ansatz. tschuldigung!
foto: joseph bailey
guter ansatz. gefällt mir. ja, im september hast du dann anlässlich deines 80. geburtstages dein „8.0 birthday concert“ unter dem titel „the musical life of a lucky star“. um im musikbusiness erfolgreich zu sein, wie viel „streben nach erfolg“ und wie viel „glück“ braucht man deiner meinung nach dafür?
in meinem fall nur glück. ich hatte so viel glück! aber, ich glaube, das ist die reaktion des universums oder der welt auf meine art. ich spreche menschen an und sage „he! servus! hast du lust was zu machen?“ und bla, bla, bla, bla… daher glaube ich auch, dass zum beispiel meine weltkarriere mit cheap records ein anderer mit 48 jahren garantiert nicht gemacht hätte. ich schwörs dir! ich wurde gefragt, ob ich lust hätte bei dem projekt mitzumachen. mit einem tontechniker in purkersdorf haben wir aufnahmen gemacht und er fragte mich dann, ob ich mit ihm ein paar „tracks“ aufnehmen will. ich so „tracks? was ist das? gut, lass uns was machen.“ wir fuhren also in sein tonstudio, er bereitete alles vor, drückte auf den knopf und ich meinte nur „boah! was ist das? was soll ich da machen?“ er erklärte mir, ich solle einfach etwas dazu singen.
also hat er mir alles auf cd gebrannt, ich hab‘s mit nach hause genommen und mir dazu einen text einfallen lassen. dann sind wir wieder zu ihm, haben fünf, sechs nummern aufgenommen – plötzlich meinte er „lass uns ein album machen! die restlichen nummern werden instrumental.“ die idee von cheap records dazu war, dass sie irgendwo auf dem land einen alten versoffenen entertainer finden, den sie aus der „kohlekiste“ rausholen, abputzen und ihn vor ein mikrofon stellen. das war die grundidee, auf der sich alles entwickelt hat. es gab also dann das album „consequences“, und auf dem schaue ich wirklich aus wie ein alkoholiker. die arbeit daran war für mich einfach spannend.
plötzlich gab es den ersten job im wmf in berlin. da hatte ich aber grad einmal fünf oder sechs lieder und dachte mir, dass ich den rest des auftritts einfach mit ein wenig dazwischen reden auffülle. ich kam also dort an und man begrüßte mich mit „hallo louie! wir sperren um 12 uhr auf und du kommst dann so um eins, halb zwei uhr dran.“ das war in der nacht! und ich dachte nur „na supi.“ wir hatten damals ein lied aufgenommen, das hieß „hoping“. das wurde von universal austria gesigned. ein ganz herziges lied. nichts großartiges eigentlich. der remix von matthew herbert schlug aber voll ein. der war in allen dj-hitparaden unter den besten 10. den spielten die dort auch in berlin im club. ein fantastischer abend.
nach diesem beginn meinte ich dann: „ja, und was machen wir jetzt?“ in berlin gab es damals ein label namens „kitty-yo“. das war eine unwahrscheinlich super mannschaft. bei dem label waren stars dabei wie peaches, feist. oder weltstars wie chilly gonzales. die ganze kanadische „mafia“ halt und ich. bei dem label waren zehn frauen, die richtig leiwande promo gemacht haben. damals war ich jedes jahr zwei, drei mal auf der titelseite von irgendwelchen englischen hochglanzmagazinen. meine ersten auftritte waren hauptsächlich noch in dorfdiscotheken in frankreich und spanien. die bezahlung war damals auch noch nicht besonders gut, aber egal. ich wollte dort hinfliegen und hinfahren und etwas erleben. das war so ein tolles leben und es wurde immer besser.
wir haben noch ein album aufgenommen auf dem unter anderem „easy love“ war. plötzlich durfte ich dann auch in 2-stern-hotels übernachten. so: „oho! mit wunderbarem blick auf die wasserleitung!“ (lacht) dann tourte ich immer mehr durch europa. dazu kam australien, neuseeland. brasilien! wir machten immer neue lieder mit neuen re-mixes. in brasilien zum beispiel habe ich aufgrund von „glamourgirl“ sehr viele hochzeiten gesungen. insofern kann ich nur von glück sprechen. das aber meiner meinung nach nur von jemandem entsteht, der bereit ist in die welt hinauszuschreien: „hallo! grüß euch! was machen wir?“ der erfolg ist, so glaube ich, die reaktion darauf.
das risiko dabei muss man aber auch mögen?
scheiß auf das risiko. für mich war es einfach spannend, die welt in dieser intensität kennenzulernen. ganz europa – von russland, rumänien, bulgarien, das ehemalige jugoslawien, griechenland, spanien, portugal, frankreich, england – das war großartig. vor allen dingen die underground-clubs. nicht die großen, schönen hallen, wo die schön angezogenen leute sind. sondern richtig underground. das hat mir richtig gut gefallen. da gibt es in london das „cargo“. ein wirklich leiwander club! für die kids war es auch witzig, dass da ein älterer herr daherkommt und mit seinen tracks vollgas gibt. für mich ein traum. aber das war glück. auch, dass ich all diese menschen kennenlernen durfte. wenn ich den pulsinger und den neugebauer nicht kennengelernt hätte – pft! hätt‘ ich wahrscheinlich auf der kärnterstraße alte lieder auf einer wandergitarre gespielt. ich bin sehr dankbar dafür, dass sich die herren das ganze überhaupt vorstellen haben können. es ist der erfolg von denen. ich habe nur meine texte und melodien gesungen. glück ist ein ganz wichtiger faktor.
foto: elmar medek
beim konzert im september werden auch fotos aus deiner vergangenheit gezeigt. wenn du auf deine erfahrungen zurückblickst – bist du zufrieden oder gibt es auch sachen, von denen du sagst „hätte ich mir echt sparen können“?
sowas gibt es eigentlich nicht, denn alles, was ich gemacht habe, habe ich auch machen wollen. ich sagte einfach „ich probiere das jetzt aus“. und wenn mir aus südafrika ein bub einen track schickt und mich fragt „können sie damit etwas anfangen?“, dann tu ich dem buben den gefallen. das ist doch logisch! er freut sich und vielleicht spielt er es dann auch in seinem club. da hatte ich nie berührungsängste und etwas „bereuen“ tu ich schon gar nicht! das kenne ich nicht. will ich auch nicht. ich möchte ehrlich und offen spaß haben. das kommt auch noch dazu. spaß ist ein ganz wichtiger teil meiner situation. glaube ich.
hattest du jemals einen plan b?
sowas habe ich nicht. im lock down zum beispiel, was für mich wirklich scheiße war, habe ich zum beispiel fünfzig lieder von karl hodina gelernt, sie ordentlich einstudiert, eine band gegründet und mit denen spiel ich das beim heurigen. ich versuche sozusagen aus jedem scheißdreck, oder sagen wir besser misserfolg, einen erfolg zu machen. ich frage „wie kann ich es machen, dass das leiwand wird?“ das ist, glaube ich, mein schmäh.
am 19. september kommt auch ein best of-album raus?
ein vinyl! stell dir vor: wir spielen voriges jahr im oktober oder november beim jazzfestival in wiener neustadt. und die haben mit zehn spuren das ganze konzert mitgeschnitten! dazu gab es auch noch ein super video! selbstverständlich haben wir das genommen. wir waren so von den socken, dass das so gut aufgenommen wurde. da muss man ein vinyl rausbringen! und dann schauen wir, was passiert. (lacht)
bleibt es beim vinyl oder wird es das album später auch in anderer form geben? zum streamen zum beispiel?
da werden wir sicher noch was machen. ja klar. die situation ist so, dass ich alle entscheidungen ausgelagert habe. das machen alles meine musikerkollegen. streaming ist auf jeden fall eine sache, die auch für uns wichtig ist. dass man sich unser album überall anhören kann.
musikkassetten sind auch wieder in, habe ich gesehen.
ja, weil die qualität von denen auch ganz großartig ist. die waren von der tonqualität wirklich fantastisch.
bis das kassettendeck das band gefressen hat.
(lacht sich kaputt) ja, aber bis dahin waren sie ganz hervorragend.
auf dem vinyl sind songs vom „(great) american songbook“ zu hören.
ja, das sind so meine lieblingslieder. das sind lieder, die ich einfach großartig finde und spielen und singen wollte. das hat sich so ergeben. dafür habe ich eine vier-mann-band. wirklich super musiker! ein echter traum.
wie bist du mit deiner band zusammengekommen?
bei mir um die ecke im 1. bezirk ist ein jazzclub namens „drakon“. ein ganz lieber, süßer, kleiner club. da hat einmal in der woche die band mit der italienischen sängerin loredana iadicicco gespielt – jazz und italienische sachen. bei der session nach dem konzert bin ich dann immer eingestiegen. das hat scheinbar gepasst und so haben sie gefragt, ob ich nicht auch fix mit ihnen spielen möchte. so hat sich das dann ergeben. ich bekam meinen eigenen sonntag – jeden zweiten sonntag im monat gibt es mich zu hören.
die band ist so großartig. ex-musiker von der jazz gitti, von den discokillers. thomas zech an der gitarre und wolfgang wehner am schlagzeug. „strutzi“, peter strutzenberger, am kontrabass und thomas barth am piano. also, ein traum! ich bin so glücklich, dass sich das so ergeben hat. aber ich glaube, es spiegelt sich immer das, was jeder mensch fühlt und tut. verstehst du? ich glaube das wirklich!
ich komm auch in einen supermarkt und bin freundlich, sage „guten tag“ zu der person, die mich bedient. und „was können sie mir anbieten? ui, das schaut gut aus! bitte von dem und davon…“ und wenn du das nächste mal ins geschäft kommst, grüßen dich die leute schon. das ist eine möglichkeit eine spiegelung zu erfahren. wie es mir innerlich geht. mir geht es super! wie geht es dir? komm, erzähl mir von dir. das tut gut und das könnte ein grund dafür sein.
zum schluss noch eine frage: du warst bar-sänger in hotels. gibt es sowas noch irgendwo oder ist diese zeit vorbei?
das ist vorbei. und ich finde es schade. vor allem, weil man in der performance sehr viel lernt. was ich nicht aushalte, ist ein pianist im vorzimmer eines hotels, der dort vor sich hin-klempert. das geht für mich nicht. wenn, dann würde ich gerne junge musiker hören – gitarre und gesang – und die setzen sich hin und spielen ein paar lieder für die leute. das wäre mein ansatz. oder ein junger dj. stell dich zur rezeption und spiel was, während du die neuen gäste begrüßt oder sowas.
foto: joseph bailey / grafik: petra ortner
links:
louie austen: https://www.louieausten.com/#xl_start
jazzkapelle.at: https://www.jazztrio.at/?page_id=1447
alle infos zum geburtstagskonzert im vindobona: https://vindobona.wien/events/louie-austen-8-0-birthday-concert




