es war das jahr 1996, als ashley dayour whispers in the shadow ins leben rief. zuerst noch als soloprojekt, dann wuchs das projekt zur band heran. ein jahr später folgte das debütalbum „laudanum“. seitdem hat die band 12 alben veröffentlicht und zahlreiche konzerte gespielt. petra ortner traf den bandleader ashley dayour im wiener café schopenhauer, um mit ihm ein wenig über die band zu plaudern.
wenn du an das jahr 1996 denkst, was ist deine liebste und was ist eine „horror“-erinnerung aus diesem jahr?
die liebste erinnerung ist die erste demo, die wir damals aufgenommen haben. das war der start von allem. daran kann ich mich noch ziemlich gut erinnern. das war mit zebo adam. aufgenommen haben wir die demo im jugendzimmer in meinem elternhaus. da haben wir noch alle zuhause gewohnt (lacht).
und eine schlechte erinnerung?
ich glaube, die schlechten erinnerungen habe ich alle verdrängt. da muss ich jetzt echt ein wenig nachdenken. jetzt weiß ich was! unser zweites oder drittes konzert. da bin ich jetzt nicht ganz sicher. das war irgendwo im waldviertel. da gab es ein gothic-festival auf einer burg. es war alles total verspätet, und wir haben so um 4 uhr früh irgendwann einmal gespielt. dementsprechend hoch war zu der zeit dann auch schon unser alkohollevel. vom konzert selbst weiß ich gar nicht mehr so viel. es war von vorne bis hinten eine katastrophe. der sound war scheiße, die leute waren alle „blunzenfett“. wir waren „blunzenfett“ (lacht). es war einfach schrecklich. danach wollten wir uns sogar kurzzeitig wieder auflösen. was wir aber gott sei dank nicht gemacht haben. das hat jetzt ein wenig gebraucht, weil ich wirklich nur die positiven sachen in erinnerung behalten habe.
in der zeit, in der du die band gegründet hast, war die gothic- und wave-szene relativ groß und ist weitergewachsen. jetzt, so ist mein eindruck, ist diese szene so gut wie verschwunden.
ich finde schon, dass sie noch da ist. aber die leute stylen sich im alltag nicht mehr so. früher war das noch wesentlich mehr ein statement als es heute ist. heutzutage ist ja „everything goes“ und es kümmert keinen mehr so wirklich, wie du angezogen bist. was ja auch gut ist, dass nicht jeder jeden blöd anschaut. aber damals wurde das ganze mehr nach außen getragen als heutzutage, glaube ich. gerade in den letzten jahren hat sich wieder sehr viel getan in der ganzen szene. es gibt einen haufen neue bands, die in die richtung gehen. das sind meistens duos, wo eine frau singt, und jemand macht synthies oder sowas in dieser richtung. da ist schon viel junges blut nachgekommen. man merkt es auch bei den großen bands. bei depeche mode oder auch the cure, ist teilweise sehr junges publikum dabei in den vorderen reihen. viele so rund um die 20 jahre alt. mir kommt aber vor, die machen gerade so ihr eigenes ding. diese klassische gothic-szene – das stimmt natürlich – ist vielleicht wirklich am aussterben. oder ist sehr alt. und die jungen machen eben ihr eigenes ding. was lustig ist, weil jetzt gothic-musik oder dark wave, post punk oder wie man es halt nennen will, war wahrscheinlich noch nie so beliebt wie jetzt die letzten, sagen wir einmal, fünf jahre. sie kochen halt nur ihr eigenes süppchen. es tut sich da schon was. das findet nur alles irgendwo abseits statt. ich glaube, man sieht weniger leute, weil sich die unter der woche ganz normal anziehen. früher hätte man dazu „wochenend-grufties“ gesagt (lacht). was ich jetzt gar nicht so böse meine, wie es sich anhört. es soll doch jeder machen, was er will. und wenn er sich nur am wochenende stylet, dann halt nur am wochenende. aussterben tut die szene nicht, aber sie verändert sich gerade. die szene an und für sich ist etwas veraltet. das stimmt schon. aber die jungen leute, die stylen sich so cool, wie schon lange nicht mehr! es gibt bands, die in diese einschlägige richtung gehen, und besonders auf den festivals kann man es sehen, dass sie sich schon sehr cool stylen. beim nova rock not so much.
nicht, wie zum beispiel beim wave und gothic-treffen. wo mich die steampunks total faszinieren. sind die für dich auch inspiration, oder ist das gar nicht deins?
auf dem wave und gothic sind die leute sowieso aufgebrezelt. aber steampunk beeinflusst mich gar nicht (lacht). ich finde zeppeline ja schon sehr cool. aber ich glaube, da hört es dann auch schon auf mit meiner begeisterung. es geht mir, für meinen geschmack, zu sehr ins cosplay rein.
in 30 jahren verändert sich sehr viel. was hat sich musikalisch bei whispers in the shadow in der zeit alles verändert? welche „knackpunkte“ gab es da so?
so einige! begonnen haben wir ja mit drumcomputer und sehr typischem darkwave-sound. geklungen haben wir sehr wie die frühen the cure – nenne wir das kind gleich beim namen. das war auch, was wir damals machen wollten. allerdings waren die frühen cure damals mitte der 90er jahre gar nicht angesagt. die band war, ganz anders als jetzt, gar nicht angesagt. da hatten wir schon einen schweren stand. auch in der grufti-szene selbst wollten das sehr wenige hören. da hat es gerade begonnen sehr elektronisch zu werden. nine inch nails waren ein riesen-thema, die ganzen industrial rock-geschichten. marilyn manson kam gerade ins rampenlicht. auch das ich und solche geschichten waren in. mit dem klassischen gitarren-wave-sound, den wir gemacht haben, waren wir damals ziemliche außenseiter. was eigentlich ganz gut war, denn dadurch hatten wir eine sonderstellung. mit der dritten platte haben wir dann begonnen, einen echten schlagzeuger dabei zu haben. ich wollte ein wenig rockiger werden. mit der vierten platte wurde das ganze noch etwas psychedelischer. da war pink floyd ein riesen-thema. die kritiker haben unseren stil damals ganz gerne goth-floyd genannt. womit ich sehr gut leben konnte, weil das heute noch so stimmt.
ab der vierten platte wurde die band dann immer eigenständiger. seitdem haben wir verschiedenste sachen gemacht. die letzten zwei alben, würde ich sagen, sind jetzt die quintessenz des ganzen. die band ist jetzt mit der zehnten platte endgültig angekommen.
gibt es ein „ankommen“?
ja, in einer gewissen art und weise schon. denn, das klingt jetzt vielleicht ein wenig komisch, wir haben nicht mehr das gefühl irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. außer uns selbst. das ist in der anfangszeit einer band ja nicht so, denn man will ja „wer sein“. das ist nur natürlich. jetzt sind wir nur noch whispers in the shadow. das fühlt sich sehr gut an und auch das songwriting fühlt sich einfacher an.
wie passiert das songwriting? schreibst du allein die songs oder ist die band daran ebenso beteiligt?
mittlerweile ist es so, dass ich die demos, also die songs zuhause komplett fertig aufnehme. die proben wir dann ein paar mal und dann geht es ins studio und wir nehmen die songs auf. wenn jemand etwas beitragen oder an den songs verändern will, dann machen wir das schon auch. in der regel aber mach ich alles zu 100 prozent. es ist jetzt nicht so, dass ich das so will. aber es spart auch zeit. songs gemeinsam im proberaum zu schreiben ist sehr, sehr zeitaufwendig. die anderen haben auch alle jobs, so gesehen ist es so, wie wir es machen, auch etwas „komfortabler“ und einfacher (lacht).
wenn du songs schreibst – machst du das immer konkret für ein album oder schreibst du songs und schaust dann, was du so hast?
immer konkret für ein album. seit ich musik mache denke ich in alben. ich bin aufgewachsen so musik zu hören. das war halt lange vor spotify, wo man playlists mit „lieblingssongs“ hat und mehr einzelne songs hört als ganze alben.
mit einem album kannst du eine geschichte erzählen.
genau. absolut. so kann ich auch sagen „ich habe jetzt vier songs. welche art von songs brauche ich noch, damit es ein ausgewogenes album wird? brauch ich noch was langsames, oder brauch ich etwas schnelleres damit eine balance da ist?“
ich mach mir auch sehr früh gedanken über das sequencing des albums. oft schon bevor ich noch die texte geschrieben habe. texte und gesang kommen immer ganz am schluss. bevor ich das mache, überlege ich aber eigentlich schon das sequencing, und tausch da schon hin und her. ich denke also noch 100 prozent in alben. noch immer.
„rapture“ war euer letztes album, das im jahr 2025 veröffentlicht wurde. wann wird es ein neues album geben? heuer noch zum 30er oder im nächsten jahr?
im nächsten jahr wird es ein neues album geben. ich bin schon dabei. es ist auch schon fast fertig geschrieben. es fehlen vielleicht noch so zwei songs. ende oktober gehen wir ins studio. also bis ende oktober soll das album dann fertig sein und das wird auch klappen. außer mir fällt gar nichts mehr ein, was ich texten oder singen könnte. aber das glaube ich nicht (lacht). und irgendwann im nächsten jahr – ich schätze in der ersten hälfte – wird dann das neue album rauskommen. unser label lässt uns auch die zeit, die wir brauchen.
aber wir haben im februar ein paar gigs und da wäre es ganz cool, wenn das album im februar schon draußen ist.
welches war dein bisher größtes konzert, das du gespielt hast?
das größte war das „mera luna“. dort auf der hauptbühne. auf dieses festival kommen insgesamt so ungefähr 30.000 leute. wir haben damals zwar relativ früh gespielt, aber das macht nichts. vor uns war noch eine andere band. wir waren die zweiten. aber es war am ersten tag und da will jeder einfach nur eine band sehen. es war cool, denn es waren echt viele leute da. und sonst sind es diverse gigs beim wave & gothic-treffen. einer war erst letztes jahr, im felsenkeller. dort waren rund 1.500 leute dabei.
neben festivals spielt ihr aber auch kleine club-gigs. was magst du persönlich lieber?
die großen (lacht)! da ist mehr platz auf der bühne. das ist ganz angenehm. es ist cool, wenn mehr leute da sind. das ist einfach so. aber den kleinen konzerten kann ich auch durchaus etwas abgewinnen.
welches war das kleinste konzert?
da muss ich jetzt nachdenken. das shelter vielleicht?! das ist schon sehr klein.
in 30 jahren verändert sich vieles, auch musikalische gewohnheiten und einflüsse. wie haben sie sich bei dir verändert? hörst du noch so viel pink floyd wie früher?
es kommt darauf an. ich habe immer so phasen. band-phasen. auch neue bands, wo ich mir dann denke „das muss ich mir jetzt genauer anschauen.“ dann gehe ich die ganze band durch von vorne bis hinten. arbeite mich durch die discography. ich erarbeite mir die band, sozusagen.
ich höre sehr verschiedene sachen. da ist alles mögliche dabei, von spiritueller sufi-musik bis pink floyd, aber auch elektronischeres, wie boards of canada. von denen finde ich das neue album ganz grandios. es ist wirklich ganz verschiedenes zeug. aber durchaus auch noch das zeug, das ich mit 15 gehört habe. ich bin nach wie vor ein riesiger the cure-fan. ich mag nach wie vor die smashing pumpkins. also die sachen, mit denen ich aufgewachsen bin, sind nach wie vor ein großes thema. dead can dance ist auch eine „lieblingsgruppe“ von mir.
und die literatur? welche bücher liest du?
also moderne literatur gar nicht. gar nicht so, weil es mir nicht gefällt, sondern mehr aus zeitgründen, weil es so viele alte sachen gibt, die ich noch nicht gelesen habe. die ich aber noch lesen will.
ich kenne dich ja als jemanden, der früher eher „anstrengende“ literatur gelesen hat.
du meinst wahrscheinlich kafka, und charles baudelaire. was man halt so liest als junger grufti (lacht). aber romane lese ich jetzt eher nicht. mehr okkulte bücher, die ich irgendwann zu lesen angefangen habe. die waren schon ein großer einfluss. in der phase von 2008 bis 2014 haben wir vier alben gemacht, die so der „occult cycle“ waren. wo verschiedene themen zusammengeschmissen wurden, die dann einen zyklus bilden. diese alben sind eine reise. in der phase habe ich sehr viel diese art von literatur gelesen. und nach diesen vier alben hatte ich dann erst einmal die schnauze voll von zyklen. wir haben danach alle zwei jahre ein album herausgebracht. das war schon eine sehr lange zeit zwischen den releases. dazwischen musste ich immer wieder auch etwas finden, das mich wieder motiviert und interessiert. das war gar nicht so einfach.
jetzt ist jedes album eine eigene reise. ich würde jetzt nicht sagen, dass es konzeptalben sind. also es gibt keine story, aber themen, die sich durch die songs durchziehen.
welche themen sind dir da jetzt besonders wichtig? gibt es themen, die früher nicht so in deinem fokus standen?
(lacht) religion. das war schon auf „rapture“ ein großes thema. und wird auch auf dem nächsten album das hauptthema sein. es ist ja schon immer wieder auch in diese richtung gegangen. aber ich habe es nie zu ende gedacht. das thema wird beim kommenden album, wie auch beim letzen, intensiver angegangen.
was interessiert beziehungsweise fasziniert dich an religionen oder religion?
in erster linie, dass die leute an etwas glauben (lacht). ich hatte immer schon eine faszination für diese ganzen sachen.
sind religion und glaube nicht zwei unterschiedliche sachen? du weißt, worauf ich hinauswill?
jein. ja, ich weiß, was du meinst. das wäre dann organisierte religion. das ist für mich wieder etwas anderes als religion. diese ist so quasi die basis von etwas, woran man glaubt. ich denke da weniger an die institutionen an sich. ich beschäftige mich mit der basis.
im fall des christentums ist es so, wenn man beginnt, sich mit der bibel auseinanderzusetzen, mit dem, was da drinnen steht. vor allem mit dem inhalt des neuen testaments, desto mehr kommt man drauf, was für ein absoluter wahnsinn daraus gemacht wurde. es ist das komplette gegenteil von dem, was da drinnen steht. und ich frage mich die ganze zeit wie das passiert ist?! und wieso sehen diese leute nicht, besonders diese fundamentalen christen in den usa, dass das, was sie machen, konträr zu dem ist, was in der bibel steht? und konträr zur botschaft da drinnen.
ja, aber war das nicht früher auch schon so? es werden aber immer noch regelmäßig unterschiedlichste skandale aufgedeckt. das macht für mich religion abstoßend.
sicher. aber man denkt halt, dass die leute mit der zeit gescheiter werden. das „source material“ kann ja auch nichts für das, was daraus gemacht worden ist. meines erachtens ist der inhalt komplett falsch interpretiert worden und wurde dann dazu benützt, macht über andere auszuüben und geld zu verdienen. wie es halt oft ist.
aber die idee da drin ist einfach gesagt: sei KEIN arschloch. also sei nett, großzügig, nicht neidisch und so weiter. wenn man sich mehr damit befasst, weiß man auch, dass das schon einen grund hat, warum das alles so groß geworden ist. es war total revolutionär. bei vielem, das da drinnen steht, denkt man sich vielleicht „na ned, na na.“ aber es kommt alles von da her. davor gab es so etwas in der form nicht. es war eine radikale message damals schon. sie funktioniert leider noch immer nicht so ganz.
alle fotos: joseph bailey
links:
whispers in the shadow webseite: https://www.whispersintheshadow.com
whispers in the shadow facebook-seite: https://www.facebook.com/whispersintheshadow
nächstes konzert: 25.02.2027 in der szene wien (eventinfo)




