von glastonbury bis seewiesenfest: warum größe, line-up und anzahl der bühnen nicht entscheidend sind
foto vom seewiesenfest, 2015
ich denke manchmal an das seewiesenfest zurück und frage mich, warum mir dieses kleine festival bis heute so positiv im gedächtnis geblieben ist. es hatte nicht viel: circa 2000 besucher, eine anreise mit dem zug war möglich, eine bühne im zelt und eine kleine poetry-slam-bühne in einem mini-zelt, eine schöne location am aufgestauten fluss inklusive steg zum füße-reinhängen, liebevolles essen und getränke, lagerfeuer und manchmal legten zwischendurch auch noch djs auf. die kleinen indie-acts waren fein kuratiert – und selbst wenn man niemanden kannte, konnte man sich dort einfach einen schönen tag machen.
das seewiesenfest hatte also gar nicht sooo besonders viel zu bieten – aber das brauchte es auch nicht. denn es hatte etwas, das ich mittlerweile als eines der wichtigsten kriterien für ein gutes festival empfinde: einen eigenen charakter.
in den vergangenen jahren war ich auf ziemlich vielen festivals – glastonbury in england, governors ball in amerika, best kept secret in den niederlanden, y not festival in england, grape festival in der slowakei, sziget festival in ungarn, inmusic festival in kroatien, zuletzt am øyafestivalen in norwegen – und natürlich auf zahlreichen österreichischen festivals wie dem nova rock festival, dem fm4 frequency festival, dem acoustic lakeside festival, dem bereits erwähnten seewiesenfest bis hin zu den festivals im schlosspark esterhazy in eisenstadt.
je mehr festivals ich besuche, desto mehr merke ich, dass ich ziemlich genau weiß, was ich mag. und überraschenderweise hat das gar nicht so viel mit der größe eines festivals oder seinem line-up zu tun.
ein gutes festival braucht eine eigene welt!
beim seewiesenfest war das der fluss, der steg, das lagerfeuer, dieses musik-genießen in der idylle. beim y not festival war es der jahrmarktcharakter samt jahrmarktattraktionen wie dosenwerfen und schaustellern, das best kept secret festival war eigentlich ein kunstvoll geschmückter wald direkt neben einem see und das grape festival hatte so viele kunstinstallationen – man konnte direkt darin versinken!
die erkenntnis daraus: für mich muss ein festival nicht spektakulär sein, aber es soll eine eigene identität haben. und: ich will auch zwischen den konzerten gerne dort sein.
foto vom y not festival, 2022
foto vom best kept secret festival, 2023
foto vom grape festival, 2023
foto vom primavera sound festival, 2022
foto vom forestglade festival im schlosspark esterhazy, 2026
ich will zwischen konzerten herumspazieren, dinge anschauen, sitzen, essen, leute beobachten oder einfach nichts tun. auf dem glastonbury festival gab es sogar eine ambient stage mit großen sonnensegeln – dort lief immer ganz beruhigende musik von djs. die meisten leute lagen dort auf der wiese und ruhten sich einfach aus. gleich daneben war ein kleiner wald, mit lichterketten und anderen lichtquellen beleuchtet. und es war so toll, solche orte auf einem festival zu haben.
foto vom glastonbury festival, 2024
- meine these ist daher: ein gutes festival bietet mir nicht nur etwas zu tun (= alle tollen bands anzuschauen und zu feiern), sondern auch einen ort, an dem ich einmal nichts tun kann.
und atmosphäre braucht manchmal erstaunlich wenig: eine lichterkette, einen wegweiser, einen beleuchteten ballon, picknickdecken … es braucht keine aufwendige dekoration, ein paar bewusst gesetzte details reichen, damit ein gelände nach festival aussieht und nicht nach einer wiese mit einer bühne.
nur: ein rückzugsort muss auch wirklich einer sein.
auf dem diesjährigen fm4 frequency festival gab es ein paar hängematten, aber direkt neben der gastroarea und der mainstage samt dauerbeschallung. wer dort wirklich zur ruhe kommen wollte, hatte also eher schlechte karten. ein rückzugsort ist nicht einfach ein ort, an dem man sitzen kann. er muss sich auch wie rückzug anfühlen.
- gute organisation merkt man gerade an den dingen, über die man nicht nachdenken muss.
eine günstige an- und abreise mit bus oder zug, eine festivalgestaltung, bei der jeder einen guten platz haben kann, ein überschaubares gelände, klare abläufe, gute kommunikation. es ist nämlich so: ich möchte als besucherin nicht ständig organisatorische probleme lösen müssen. manche fragen, will ich mir einfach nicht stellen müssen: wann fährt der zug? wie komme ich zum bahnhof? wann fährt der shuttlebus?
- größe ist nicht entscheidend.
auch kleine festivals mit nur einer bühne können absolut überzeugen. erst dieses jahr am butterfly dance festival war es wie eine offenbarung für mich: eine bühne reicht vollkommen. es ist viel stressfreier, die picknickdecken-area lädt zum ausruhen ein, die mini-wälder mit den riesenballons sind ein hingucker. die leichte steigung verschafft allen besuchern einen guten blick auf die bühne. und zack! perfektes festival!
deswegen glaube ich nicht mehr daran, dass ein festival automatisch besser wird, je größer es ist oder je mehr bühnen es gibt.
- und ja, natürlich braucht es auch gute musik!
musik ist wichtig, schließlich handelt es sich ja um musikfestivals. aber mittlerweile glaube ich, dass ein großartiges line-up ein festival noch nicht automatisch zu einem großartigen festival macht. ein fantastisches line-up kann mich für einen tag auf ein festival locken. aber ob ich mich dort wohlfühle, entscheidet sich für mich nicht anhand der anzahl großer namen.
vielleicht erklärt das auch, warum ich mich bei einem meiner jüngsten festivalbesuche so schwer damit getan habe, die viel gelobte entspannte atmosphäre nachzuempfinden.
das øyafestivalen hatte kaum deko, kaum visuelle reize, keine lichterketten oder wimpel (nur bei der klubben stage), teilweise schwierige orientierung – es fühlte sich für mich nicht entspannt an, sondern eher bedrückend. möglicherweise ist genau diese nüchternheit für andere teil des reizes, für mich funktioniert es nicht. für mich ist ein park, in dem ein paar bühnen stehen, ein bisschen zu wenig, um mich zu beeindrucken.
leider nicht so das highlight gewesen: das øyafestivalen in norwegen, 2026
schon besser: das primavera sound festival in barcelona, 2022
mein persönliches festival-rezept
ein gutes festival braucht
- eine eigene identität (ich möchte das gefühl haben, irgendwo angekommen zu sein)
- orte zum verweilen (nicht jede minute muss mit musik gefüllt sein)
- kleine überraschungen (kunst, installationen, besondere ecken)
- atmosphäre (lichter, deko, wasser, natur, was auch immer zum ort passt)
- gute organisation (ich möchte nicht permanent über logistik nachdenken)
- ein angenehmes gelände (gute sicht und möglichst unterschiedliche räume)
- rückzugsmöglichkeiten (und zwar echte!)
- gutes essen und trinken
- gute musik
vielleicht ist es deshalb auch kein zufall, dass ich mich ausgerechnet an das kleine seewiesenfest so gerne zurückerinnere. es hatte nur eine bühne, aber einen fluss. ein lagerfeuer. einen steg. musik, poetry slam und zwischendurch djs. und vor allem hatte es diesen ort, an dem man einfach gerne war.
vielleicht ist das für mich das wichtigste kriterium überhaupt: ein gutes festival ist ein ort, an dem ich nicht nur gute musik hören, sondern auch einfach gerne sein möchte.










